Haiku? Senryu? Tanka? Wahrscheinlich sind alle westlichen Versuche mit japanischen Formen so etwas wie “Etikettenschwindel” (Uli Becker). Wenn sie versuchen, japanisch zu sein, so sind sie fast immer derart banal und langweilig, dass es ein Graus ist. Warum also nicht gleich westlich-unkonventionell? (Schließlich waren die Epigramme der späten 60er auch keine Epigramme im klassischen Sinn.) Warum aber dann auf dieser Silben- und Erbsenzählerei überhaupt bestehen? Weil sie diszipliniert. Und das kann ja bei all der Geschwätzigkeit nicht schaden.

“Siebzehner” finden sich da und dort verstreut in diversen meiner Gedichtbände. Ein gebündelter längerer Teil zum Beispiel im ZUNGENSALAT (wo sich unter dem Kapitel “Haiku-Mix” 40 solcher Dinger lesen lassen). Vielleicht darf ich daraus einen Siebzehner vorstellen, der eine uralte und leider immer wieder aktuelle Geschichte erzählt und formal angereichert ist mit acht Alliterationen, drei männlichen Endreimen und durchgehenden Trochäen:

DORFGESCHICHTE

Weibsstück, Wangen rot,

schwanger,Schande, schwere Not,

Trachtler, Tümler, Tod.

Meine Begeisterung für Siebzehner habe ich ausgelebt in dem Band ZÜNDSILBEN, zu dem Ugo Dossi mit jeweils 17 Streichhölzern Bilder ausgelegt und fotografiert hat. Auch hier gab es keine Haiku im klassischen Sinn, denn schon durch die Titelgebung wurden die üblichen zwei Bereiche um eine weitere Gegenüberstellung bzw. Überlagerung erweitert. Reizvoll erschien mir neben dem Tonfall der verhaltenen Emotion und dem Bild- bzw. Gedankensprung auf engstem Raum die Kategorie des Augenblicks, der paradiesische Ort, die Auslöschung/Befreiung von Raum und Zeit im intensiven Moment.

Manfred Ach
ZÜNDSILBEN

ISBN 3-928114-04-2, 100 Haiku. Mit 50 Streichholzbildern von Ugo Dossi. Hagen Verlag, 1. Auflage München 1991, 116 S., EUR 9.-

GROSSER ROMANCIER

Mairegen erzählt

die grünen Abenteuer,

schreibt in die Gärten.


Tanka-Ketten

Ein Tanka ist nach der japanischen Tradition ein Gedicht aus 5/7/5/7/7 Silben mit 2-3 Aufrissen, die sich an einem Schneidewort entzünden. Weshalb es sinnlos ist, japanische Mentalität nachzuahmen, aber sehr wohl sinnvoll, diese festgelegte Form für europäisches Ausdrucksbedürfnis zu verwenden, hat F.C.Delius im Nachwort zu seinen "Japanischen Rolltreppen" einleuchtend dargelegt. Was mich interessierte, waren nicht "freistehende" Tanka, sondern ihre Einbettung in einen Zyklus zu einem vorgegebenen Motiv. Diese - durchaus tanka-spezifische - Spielart wurde m.W. in den europäischen Adaptionen dieser Form kaum praktiziert. Tanka-Ketten dieser Art können sich auch lösen von der puren "Zeige-Geste" und sind besser geeignet, die stille Gebärde in den (ohnehin latent vorhandenen) "Schrei" zu übersetzen. Letzterer entspricht unserer Situation und legitimiert auch die Form (wenn Tanka-Schreiben mehr sein will als lediglich die Erfüllung einer Konvention).


Manfred Ach
Mit Engels Zunge

ISBN 3-927890-36-7 Tanka-Ketten. Umschlaggrafik: Thomas Herbig, Edition Ludwig im Tale

1. Auflage München 1996, 48 S., EUR 4.-

(Das erste Tanka aus dem Jahreszeiten- Zyklus: Hundstage. Ein Reigen):

Den Kopf aufgeklappt,
ein Januarschmetterling.
Schon kommen Jäger,
und du musst höher fliegen.
Spaltungsmagie, jahreinwärts